GNOM - Gruppe für Neue Musik Baden

ZEITSONDE 1952

Sonntag 23. September 2012 17h Aula der Berufsfachschule Baden BBB Haus Martinsberg
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Tomas Bächli
         Sonate pour piano (1952) von Jean Barraqué (1928-1973)
         Schweizerische Erstaufführung der neuen Edition

         PausenBar

Dominik Blum
         Sonate (1950-52) und
         Klavier-Variationen (1952) von Hermann Meier (1906-2002)
         ..... und Überraschungsstücke

  
Jean Barraqué                                                  Hermann Meier


Die rennomierten Schweizer Pianisten Tomas Bächli und Dominik Blum sind passionierte und
vehemente Anwälte ihres Repertoires. Ihrem Einsatz ist es unter anderem zu verdanken, dass
Werke, welche heute noch immer als schwierig bis unverständlich gelten, gespielt, gehört und
unterrichtet werden. Dieses Konzert bietet Gelegenheit zur Begegnung oder Wiederbegeg-
nung mit Jean Barraqués erratischer Klaviersonate und Hermann Meiers avantgardistischen
Klavierwerken, interpretiert vor dem Hintergrund jahrzehntelanger intensiver Beschäftigung.

So wie das visionäre architektonische Werk Armin Meilis, dem Architekten des Hauses
Martinsberg, erhalten und für heutige Bedürfnisse umgenutzt wird, kann auch den strukturell
extremen musikalischen Visionen der frühen fünfziger Jahre mit heutigen Ohren wieder-
begegnet werden. Bedingung ist in beiden Fällen die Vermittlung von und das Vertrauen in
Experten, und der Wille der Zuhörer, auf das Kunstwerk zuzugehen. GNOM schafft dafür die
Bedingungen.


  
Tomas Bächli                                                    Dominik Blum - Foto © Giovanni Schläfli


Workshop   Samstag 22. September 2012, 16.30 bis 18.30 Uhr (Eintritt frei)
Raum MehrKlang, Merkerareal, Bruggerstrasse 37, 5400 Baden
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         "Jean Barraqués Sonate pour piano - Analyse als Grenzerfahrung"
         Tomas Bächli vermittelt spielend und redend seinen praktischen und
         theoretischen Zugang zum Stück.



Tomas Bächli zu Jean Barraqué:

Jean Barraqué wurde 1928 in der Pariser Vorstadt Puteaux als Sohn eines Metzgers
geboren. Sein anfänglicher Wunsch war es, Priester zu werden, und so trat er in die École
Diocézaine ein. Die Begegnung mit einer Aufnahme von SchubertsUnvollendeter mit
ungefähr zwölf Jahren versetzte ihm nach seinen eigenen Worten einen „emotionalen
Schock“. Dieser sass so tief, dass sich Barraqué von nun an der Musik zuwendete.
Nach Studien beim Organisten Jean Langlais besuchte er, wie so viele Komponisten seiner
Generation, die Analysekurse von Olivier Messiaen, die sein Bild von der Musik radikal
wandelten.
„Obwohl manche im Voraus darauf spekulieren, hütet sich Messiaen, eine Theorie der
Analyse aufzustellen. Nur die Werke sind da, strahlend und verheerend. Für ihn ist jedes
Werk ein Mysterium, dem er mit seinen Mitteln nahe kommt.“ So Barraqué 1958 in der
Musikzeitschrift Melos anlässlich von Messiaens fünfzigstem Geburtstag.
Um 1950 lernte er Pierre Boulez kennen. Das Verhältnis zu ihm war lange Zeit freund-
schaftlich und von gegenseitiger Anregung geprägt. In ihrer künstlerischen Grundhaltung
jedoch entfremdeten sich die beiden Komponisten zusehends.
Wichtig war auch die Begegnung mit Michel Foucault, dem Barraqué 1952 erstmals
begegnete. Foucault empfahl ihm Hermann Brochs Roman „Der Tod des Vergil“ (1945).
Barraqué sah in diesem Werk sein eigenes künstlerisches Denken widerspiegelt und
beschloss, dieses Buch ins Zentrum seiner Musik zu stellen. Von diesem Zeitpunkt an
haben sämtliche Kompositionen Barraqués einen Bezug zum Werk von Hermann Broch.

Barraqués Oeuvre ist nicht umfangreich. Nebst einer kurzen elektronischen Studie von
(1952/53) gibt es sechs gross angelegte Werke, die von ihm fertiggestellt und anerkannt
wurden:
- Sonate pour piano, 1952
- Séquence pour voix, batterie et divers instruments (nach Texten von Nietzsche), 1955
- Le Temps Réstitué pour sporano choeur et orchestre
   (nach „Der Tod des Vergil“, 2. Buch), 1956-68
- . . . au delà du hasard pour quatre formations instrumentales et une formation vocale,
   1958-59
- Chant après Chant pour 6 batteurs, voix et piano, 1965-66
- Concerto pour six formations instrumentales et deux instruments (vibraphone et clarinette),
   1962-68

Nach der Komposition des Concertos verschärften sich Barraqués gesundheitliche und
finanzielle Schwierigkeiten. 1973 stirbt er mit 45 Jahren an einer Gehirnblutung.

Barraqués Musik wird gemeinhin dem Serialismus zugeordnet. Eine ganze Komponisten-
generation machte es sich nach dem Krieg zur Aufgabe, die verschiedenen musikalischen
Parameter (Tonhöhe, Rhythmus, Lautstärke und Klangfarbe) zu organisieren und miteinander
zu verknüpfen. Die Lösungen, die sie dafür fanden, waren allerdings grundverschieden,
ebenso die künstlerische Haltung, die dahinter stand. Barraqué hat sich zeitlebens mit
seriellen Verfahrensweisen beschäftigt. Gleichzeitig hielt er Distanz zur seriellen Bewegung.
Die Absolutsetzung der seriellen Verfahrensweisen lehnte er vehement ab. Stattdessen
beharrte er auf der Idee des Komponierens als schöpferischem Akt.

Versucht man, Heribert Henrichs akribische Analyse der Sonate pour piano („Das Werk Jean
Barraqués, Genese und Faktur“, Kassel 1997) nachzuvollziehen, fällt folgendes auf:
Einerseits ist die serielle Struktur (mit Ausnahme der Reihe) nicht von Anfang an da und
entwickelt sich erst im Laufe des Stücks (gegen Ende wird sie auch ad absurdum geführt),
andererseits sind auch die am dichtesten organisierten Teile des Stücks immer noch sehr
weit entfernt von einem Automatismus des Komponierens, den man dem Serialismus gern
unterstellt. (TB)

Link zu einem Text von Herbert Henck zur Sonate pour Piano von Jean Barraqué



Hermann Meier: Dodekafonist, Serialist, Avantgardist.
Geboren am 29.5.1906 in Selzach SO, aufgewachsen in Solothurn. Er lässt sich erst zum
Primarlehrer ausbilden, verbringt seine ganze Berufszeit in Zullwil SO als Dorfschullehrer.
Nebenbei nimmt er zwischen 1935 und 1949 Klavier-(bei Frau Leisinger), Orgel- und Kom-
positionsunterricht (bei Ernst Müller) an der Musikakademie Basel.
Er erteilt Klavierstunden und leitet diverse Chöre.
In den Jahren 1948 und 49 ist er Schüler von Vladimir Vogel in dessen privater Kompositi-
onsklasse in Orselina TI. 1950 tätigt er einen Studienaufenthalt bei René Leibowitz in Paris.
Er schreibt zuerst im dodekafonen Stil bis etwa 1952 (Klaviersonate) und wendet sich dann
(zeitgleich wie die Darmstädter Komponisten) der seriellen Technik zu (Klaviervariationen,
Stücke 1956 und 1957). An den Darmstädter Ferienkursen hat er selbst nie teilgenommen,
doch soll man dort von ihm gewusst haben...
In der Zeit um 1950 bemüht er sich um die Aufführung und Sendung seiner Werke. Davon
zeugen zwei Orchesterleseproben (1949 Tonhalle Zürich mit Volkmar Andreae, 1951 Radio-
orchester Beromünster unter Erich Schmid, mit dem er befreundet war), ohne dass die Werke
aber aufgeführt wurden. Vom Südwestfunk erhält er 1952 ebenfalls eine Absage.
Von da an schreibt er für sich und um der Sache Willen, und leistet keine Öffentlichkeitsarbeit
mehr. Es entstehen Werke für Orchester (10 insgesamt!), Kammerbesetzungen, ein oder
mehrere Klaviere, auch Hammondorgel.
Anfangs der sechziger Jahre beginnt er mit Clusterfeldern zu operieren, die er collageartig
gegeneinandersetzt (Klavierstück 1968), ebenfalls stellt er Grafiken (etwa 200 sind erhalten)
als Grundlage für die Kompositionen her, die in ihrem Erscheinungsbild an konkrete Kunst
mahnen.
1968 besucht er Hermann Heiss in dessen elektronischem Studio in Darmstadt. 1975 wird
er von Hans-Peter Haller in die Technologie des Experimentalstudios des Südwestfunks
(Heinrich Strobel Stiftung) in Freiburg i. Br. eingeführt, wo er 1976 seine elektronische
Studie für Zweikanaltonband realisiert, für die er am 10.12. den Werkpreis des Kantons
Solothurn erhält.
Er komponiert bis Ende der achtziger Jahre (Klavierstück 1987, ein Bläserquintett 1989),
er fertigt Grafiken bis in die frühen Neunziger hinein, bevor er altershalber die Arbeit
aufgeben muss.
Seine Skizzen, Visionen, Kommentare und Tagebücher zeichnet er zeitlebens mittels
Stenografie auf. In den letzten Jahren noch sprach Meier von neuen Klangschichten und
-ballungen, die er höre, aber nicht mehr finden könne. Er plädierte für das Nachvornesehen
in der Kunst und hat sich zeitlebens mit modernster Malerei und Philosophie beschäftigt.
Hermann Meier starb am 19. August 2002.




Tomas Bächli wurde 1958 in Zürich geboren und studierte Musik am Konservatorium Zürich
(Klavier bei Werner Bärtschi). Bis 1996 lebte er als Klavierlehrer und Konzertpianist in Zürich.
1996 folgte er seiner Frau Sieglinde Geisel nach Brooklyn, NY, wo er in der freien Szene eine
rege Konzerttätigkeit entfaltete. Seit Januar 1999 lebt er mit seiner Frau und mittlerweile zwei
Kindern in Berlin.
Ohne sich vollständig darauf zu spezialisieren, führt Tomas Bächli in seinen Konzerten vor-
wiegend Werke der jüngeren und jüngsten Musikgeschichte auf. Auf der Suche nach einer
Vermittlung, die sowohl der Musik als auch dem Publikum gerecht wird, experimentiert er oft
mit neuen Konzertformen.
Das Leben eines Pianisten besteht aus verschiedenen musikalischen Tätigkeiten: Üben, Auf-
treten, Unterrichten, Nachdenken über Musik. Tomas Bächli möchte diese Aspekte so weit wie
möglich miteinander verknüpfen. In seinem Übungsraum Hörsaal Boxhagener Straße in Berlin-
Friedrichshain führt er regelmäßig Workshops durch. Im weiteren dient der Hörsaal Boxhagener
Straße als Veranstaltungsraum für Konzerte.





Dominik Blum studierte Klavier bei Urs Peter Schneider in Bern, Chor- und Ensembleleitung
bei Karl Scheuber in Zürich, absolvierte Dirigierkurse bei Kirk Trevor und Tsung Yeh sowie
Interpretationskurse bei Karlheinz Stockhausen und György Kurtág und perfektionierte sich
autodidaktisch im Hammond- und Kirchenorgelspiel. Sein künstlerisches Interesse reicht vom
klassischen Repertoire über die zeitgenössische Musik bis zur freien Improvisation und zu
elektroakustischen Experimenten. Musikalische Partner sind u. a. der Saxophonist Raphael
Camenisch und die Pianistin Tamriko Kordzaia; 1995 gründete Dominik Blum das Crossover-
Trio Steamboat Switzerland, 2005 die Gruppe Azeotrop. Er wurde mit dem Förderpreis der
Stadt Winterthur (1998) und dem Kulturpreis der Kulturstiftung Winterthur (2001) geehrt.
Aus seiner Diskographie sei die Aufnahme von Klavierwerken Hermann Meiers (2000) her-
vorgehoben.