Musik aus der Stille

Es war eine Ouverture der bemerkenswerten Art. Für das erste Konzert der Saison 2011
hatte GNOM, die Gruppe für neue Musik Baden, das Pellegrini-Quartett aus Freiburg im
Breisgau eingeladen.
Die Vier Musiker reisten mit nichts Geringerem als Luigi Nonos Streichquartett
"Fragmente - Stille, an Diotima" an. Ihre Interpretation in der Galerie Anixis in Baden
wurde eingebettet in einen einleitenden Vortrag des Musikwissenschafters Anton Haefeli
und einem lockeren Ausklang bei Wein und Käse, der Gelegenheit zum Gespräch mit den
Musikern bot.

Persönlich, intim
Haefeli stellte Nonos Streichquartett in den Zusammenhang sowohl der musikgeschichtlichen
Situation nach dem zweiten Weltkrieg als auch der personalstilistischen Entwicklung Nonos.
Während die Serialisten das komponierende Subjekt durch die Herrschaft der Reihe und John
Cage durch den Einbezug des Zufalls entthront hätten, habe Nono einen Ansatz gesucht, der
wieder Inhalte zulasse, und er habe ihn im politischen Engagement gefunden.
Nun ist aber das 1980 entstandene Streichquartett, im gegensatz zu früheren Kompositionen
Nonos, ein sehr persönliches und intimes Werk. Haefeli ortet darin gleichwohl einen
politischen Aspekt: diese Musik zwinge zum differenzierten Hören und schaffe so ein waches
politisches Bewusstsein.
Die Probe aufs Exempel konnte man bei der anschliessenden Aufführung machen. Die beiden
Geiger Antonio Pellegrini und Thomas Hofer, der Bratscher Fabio Marano und der Cellist
Helmut Menzler sassen im kleinen Raum so nahe vor dem Publikum, dass man als Zuhörer
schnell in ihren Bann geschlagen wurde.

Leise, fahl
Und das Hören veränderte sich tatsächlich im Verlauf der vierzigminütigen Darbietung. Nahm
man anfangs die Rahmenbedingungen des Werks wahr, die vielen Pausen zwischen den Phrasen,
die geringe Lautstärke, das fahle Streichen und die sich davon absetzenden Tremolobeweg-
ungen, so bemerkte man mit der Zeit immer mehr Verbindungen innerhalb dieser Elemente.
Eine Pause - die Stille - kann kürzer oder länger dauern, und der Zuhörer füllt sie im Kopf
durch die Musik aus, die vorausging und die er im Anschluss daran erwartet.
Und er denkt vielleicht an Diotima, jene leuchtende Frauengestalt aus dem gleichnamigen
Gedicht Friedrich Hölderlins, das Nono als Inspirationsquelle für "Fragmente - Stille,
An Diotima" diente. Oder der Zuhörer denkt an die Seherin Diotima aus Platons "Symposion",
die den jungen Sokrates über die Natur des Eros aufklärt. Ist das schon politisches Bewusstsein?

Thomas Schacher
Neue Zürcher Zeitung, 29. März 2011