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Fragmente – Stille, An Diotima (1979/80) für Streichquartett
von Luigi Nono (Venezia, 29.1.1924 – 8.5.1990)

Pellegrini Quartett
Antonio Pellegrini, Violine
Thomas Hofer, Violine
Fabio Marano, Viola
Helmut Menzler, Violoncello

www.pellegrini-quartett.de




Zu Nonos Streichquartett Fragmente – Stille, An Diotima (1979/80)

Schon in den fünfziger Jahren hatte das LaSalle Quartett Luigi Nono (1924-1990) um die Komposition eines Streichquartetts gebeten.
Es sollte ein Vierteljahrhundert dauern, bevor der Komponist sich an die Niederschrift der Partitur machte, an der er — seinen eigenen
Worten zufolge — schon 25 Jahre komponiert hatte. Als das Werk am 2. Juni 1980 in Bad Godesberg uraufgeführt wurde, löste es sofort
vielfältige Kontroversen aus, die sich bis zum heutigen Tage in einer Fülle von Exegesen niedergeschlagen haben.
Stellte das Werk — worauf schon der kryptische Titel ‚Fragmente -Stille, An Diotima’ hinzuweisen schien — eine ‚Wende’ in Nonos Schaffen dar?
Oder war das Werk die konzentrierte Summe der kompositorischen Erfahrungen der vergangenen Werke?
In einem Gespräch mit Enzo Restagno erklärte Nono:
‚Es ist wahrscheinlich richtig, daß dieses Werk einen Wendepunkt markiert, und zwar in dem Sinne, daß die Vergangenheit die Zukunft antezipiert
und die Zukunft der Gegenwart und der Vergangenheit gedenkt’. Ausführlich geht Nono auf seine Beziehung zu Hölderlin ein, dessen Studium
vielfältige Früchte für das Streichquartett abgeworfen hat. Vor allem hat den Komponisten das ‚Prinzip einer Öffnung in Hinsicht auf eine
Vielbezüglichkeit der Bedeutungen und Möglichkeiten’ interessiert, — nicht weniger aber auch jene ‚endlose Besorgnis’ welche Hölderlins
gesamtem Werk zugrunde liegt. Direkte Hinweise auf Hölderlin erschließen sich nur den Ausführenden des Quartetts. In der Partitur stehen
zahlreiche Fragmente aus des Dichters Werken, die jedoch in keinem Falle vorgetragen werden dürfen. Auch sollen sie nicht als naturalistische
oder programmatische Hinweise verstanden werden. Sie sind lediglich Gedanken, und diese sind — Nono zufolge — ‚schweigende Gesänge’.
Wo Nono in früheren Kompositionen — wie etwa dem ersten ‚Diario Polacco’ — gewaltige Klangmassen zusammengeballt hatte, bewegt sich sein
Streichquartett nahezu ständig am Rande der Stille. Dennoch ist es keine ‚lyrische’ Komposition im überkommenen Sinne sondern eine, deren
dramatische Spannungen sich gewissermaßen nach innen entladen. Die Partitur ist wie ein sehr freies Rondo aufgebaut, wobei niemals deutlich
wird, welche Teile ‚Refrain’ und welche ‚Zwischenspiel’ sind: sie alle sind ihrem Material und ihrer Struktur nach so vielfältig aufeinander
bezogen, daß in der Großform des Werkes das sich erfüllt, was sich schon in den späten Streichquartetten Beethovens als kompositorisches
Verfahren der Moderne angekündigt hatte: das Prinzip der transformierenden Variation. Dieses Prinzip ist genau das, was Nono unter dem
Vorwegnehmen der Zukunft und dem Gedenken von Gegenwart und Vergangenheit versteht: jeder Moment des Streichquartetts hat diese doppelte
Bezüglichkeit.
Kaum ein Werk der modernen Musik trägt soviel geschichtliches Bewußtsein in sich wie Nonos Streichquartett. Große Momente in der Geschichte
des Musikalischen Diskurses erheben sich über all ihre Grenzen hinweg.
Konrad Boehmer (CD-Booklet zu Pellegrini Quartett - Luigi Nono: Fragmente - Stille, an Diotima , BVHAAST CD 9507)