FLÜSTERBOGEN I
Samstag 21. Mai 2011


10 – 18h Installation und Dauer-Performance in der St. Niklauskapelle
Hans-Jürg Meier - l’orecchio sull’acqua (2005) Klanginstallation
Dorothea Rust - Bewegung


19.30h Konzert in der Sebastianskapelle
Hans-Jürg Meier - volta bianca (2007)
darin eingelassen Musik aus dem 16. Jahrhundert

B-FIVE (Markus Bartholomé, Katelijne Lanneau, Thomas List, Silja-Maaria Schütt, Mina Voet; Renaissanceblockflöten)
www.b-five.be





Hans-Jürg Meier zur Klanginstallation l’orecchio sull’acqua, die 2005 in Rom für die
Ottilienkapelle in Balsthal entstand:
Die Quellen der Geräusche sind in erster Linie Klänge von „fontane“ in Rom, Brunnen, die ich
auf Spaziergängen durch die Stadt entdeckt habe. Von klanglicher Attraktivität haben sich die-
jenigen Brunnen als geeignet für eine Aufnahme erwiesen, denen man oft keine Beachtung
schenkt, wie zum Beispiel die sogenannten „fontanelle“, einarmige Trinkwasserbrunnen, die
an jeder Strassenecke zu finden sind. Zu den poetischen Wasseraufnahmen gesellen sich
unangenehmere Klangquellen, wie Auto- und Motorino-Lärm, Geräusche aus Eisenbahn-
und Metrobahnhöfen, ein Liftsurren oder Tropfen, die auf eine Aluleiter fallen. Diese zweite
Kategorie von Klangquellen verbindet die Eigenschaft, Geräusche von Fortbewegungs-
mitteln zu sein.
Die Quellen der zeitlichen Strukturen sind Zahlen, die sich aus dem Zusammenhang der
Ottilienkapelle ableiten. Die Quersumme der Grundsteinlegung der Kapelle in Balsthal
(1511) ist 8. Der Namenstag der heiligen Ottilie fällt auf den 13. 12. Die Summe dieser
drei Zahlen ergibt 33, was in der christlichen Zahlensymbolik für die Anzahl Lebensjahre
Jesu steht. Multipliziert mit 2 (Augen, Ohren) und erweitert um die 13 erhalten wir die
Dauer meiner Klangmontage: 66 Minuten 13 Sekunden.
Zugegeben, diese Zeitdauer wird nicht bewusst wahrgenommen. Denn zum einen ist die
Dauer zu gross, um sie als Einheit zu erfassen, und zum andern wiederholt sich der Klang-
träger –die CD – endlos. Viel eher nimmt man in „l’orecchio sull’acqua“ eine Pendel-
bewegung wahr. Ein Zustand von klarer Klanglichkeit wird zugeschüttet, bis er von einer
chaotischen Undurchsichtigkeit verdrängt worden ist. In umgekehrter Richtung hellt sich
der chaotische Zustand auf, bis er einer neuerlichen Klarheit gewichen ist.

Dorothea Rust zur Dauerperformance: Ich verbinde meine Augen. Während 8 Stunden
verweile ich horchend, tastend und bewegend im Kapellenraum. Die Zeit des Rückzugs kann
als offensive Bewegung und Geste, die Körper und Raum für andere Sinne öffnet, verstanden
werden.
Die 66 Min. 13 Sek. dauernde Klanginstallation von Hans-Jürg Meier, eine als Loop
angelegte akustische Pendelbewegung besteht aus 8 Teilen. Sie ordnet meine spezifischen
Bewegungsaktionen, die sich an Architektur und Ausstattung der Kapelle orientieren:
Jedem dieser 8 Teile ordne ich einen Ort im Raum mit seiner Ausstattung zu:
1 Boden, 2 Raumvolumen, 3 Wand mit Altar, 4 Wand mit Fenster, 5 Wand mit Bild, 6 Wand mit
Türe, 7 Raumvolumen, 8 Raumvolumen.
Augen in Ohren, Händen und Füssen versetzen in einen akut rezeptiven Zustand, die Sinne
werden umgestülpt. Dieser Zustand, der kleinste Verschiebungen und Unebenheiten in der
Kapelle seismographisch registriert und aufnimmt, zei(ti)gt seine Wirkung: Er erweitert
den Körper in den Raum, Konturen und Oberflächen von Raum und Gegenständen,
physische Präsenz von BesucherInnen, Klangkomposition und andere Geräusche modulieren
die präzisen Bewegungsaktionen. Wenn der Loop jeweils wieder am Anfang ist, fängt für
mich ein neuer Teil an.
Ich entwickle so 8 verschiedene Handlungen und Bewegungsansätze, die den jahrhunderte-
alten "Konzentrationskörper" Kapelle sehr differenziert spür- und sichtbar werden lassen.
Die BesucherInnen können kommen und gehen. Wie die einzelnen Teile und das Gesamte
sich im Kapellenraum entfalten ist offen.


Im Konzert am Abend erklingt ein Pendeln ganz anderer Art: die neunteilige Komposition
volta bianca wird an geeigneten Stellen unterbrochen von Musik aus der Renaissance.
Wiederum der Originalton des Komponisten:
volta bianca (weisse Wölbung) beschreibt einen fiktiven Gang durch einen fürstlichen Palast,
Modell steht der Palazzo Ducale in Urbino.
Wir gelangen in verschiedene Räume von präziser Funktion und spezieller Ausstrahlung.
Meine Musik nimmt die Harmonie und die Strukturen des Gebäudes auf, übernimmt
Proportionen, die ihrerseits aus musikalischen Intervallverhältnissen abgeleitet sind,
und verwandelt sie in Klang.
Die nunmehr musikalischen Strukturen entfalten ihre Kraft aus dem Klang, das Wissen um
deren Herkunft aus der räumlichen Vorstellungswelt ist für das Hören vielleicht nützlich,
jedoch nicht zwingend nötig.
Dem höfischen Rahmen entsprechend finden wir an passenden Orten (im Thronsaal oder im
Hof) musikalische Darbietungen „alter“ Musik. Die Betrachtung des Gebäudes (des Raumes,
des Klanges) wird unterbrochen von ‚effektvoller’ Musik, deren Funktion die Zerstreuung ist,
die angestammte Aufgabe eines Divertimentos.

Dem Text ist ein Zitat von Niklaus Brass vorangestellt, welches den gedanklichen
Hintergrund für beide Teilarbeiten von FLÜSTERBOGEN I bildet:
„Struktur zielt auf Differenz, Effekt zielt auf Reaktion. Struktur bedeutet Heteronomie,
Transparenz, Gleichgewicht. Effekt bedeutet binäres Ja/Nein.
Struktur verlangt Reizverarbeitung (Reflexion), Effekt genügt Reizleitung und Reaktion (Reflex).“