REFERAT > "Alte Dame Neue Musik: Wo geht’s hier bitte zum Neuen?"

Referat

zur Eröffnung der GNOMSaison 2008 von Johannes Schöllhorn

Alte Dame Neue Musik: Wo geht’s hier bitte zum Neuen?
- ein Panorama/Panoptikum zum neuen Jahr -
(Kleiner Neujahrsvortrag, Baden bei Zürich, 2008)

Herzlich Willkommen zu meiner privaten (Neujahrs)Ansprache über das Alte und das Neue!

Die rüstige Dame Neue Musik, wenn man die Geburt der Neuen Musik mit der freien A-Tonalität der Wiener Schule um Schönberg ansetzt, feiert zurzeit gerade hundertsten Geburtstag. Und manch einer wünscht sich vielleicht, die Alte Dame Neue Musik möge möglichst rasch in die
Grube fallen, damit man sie endlich los sei und man sie möglichst rasch  beerben könne.
Aber genau an diesem Punkt erscheinen unausweichliche Probleme, denn einerseits denkt
die Dame überhaupt nicht daran zu schwächeln oder gar den Löffel abzugeben. Und anderer-
seits hieße Erben in diesem Fall leider nicht, dass man  plötzlich sagenhaft reich würde,
sondern es hieße,
- und das wissen wir seit Hamlet sehr genau -, dass uns die Vergangenheit einholen würde
und wir uns ihr stellen müssten. Wir würden von den Gespenstern der Vergangenheit verfolgt werden und das ist bekanntlich nicht sehr angenehm, denn, wie immer bei Gespenstern, sähen diese nicht so aus wie wir sie uns vorstellen (denn sonst wären es keine), sondern schreckten
uns in den bizarrsten Formen, so dass wir entrüstet ausrufen würden: „So haben wir das mit
dem Erbe und mit der Tradition nicht gemeint !“

Also versuchen wir stattdessen verzweifelt und sehr treffend „auf Teufel komm raus“ die Vor-Vergangenheit zu schönen, so wie wir es bei der Verpackung einer deutschen Joghurtmarke finden können, auf der ganz wunderbar zwielichtig steht: „schmeckt wie damals“ - als gäbe
es ein definierbares Damals, an das wir uns bestens erinnern könnten und das natürlich
immer schon besser als die leidige Gegenwart war, welche jetzt aber, dank des Joghurts, zumindest leidlich fähig ist das fiktive Damals in der Imagination einzuholen. Aber bei der
Neuen Musik will uns diese Methode merkwürdigerweise noch nicht so recht gelingen,
denn irgendwie nervt sie uns – positiv wie negativ - doch immer. Oder ?

Wir haben es lieber anachronistisch, feiern die Meisterwerke der Vergangenheit und unsere Musikkultur wird zu praktizierter Denkmalpflege. Nicht ohne Grund entstanden genau in der
Zeit, als die Neue Musik geboren wird, auch die „Denkmäler deutscher Tonkunst“ - dicke Folianten, die die vermeintlichen und echten ehernen Werke der deutschen Musik versammeln. Aber wer interessiert sich eigentlich für Denkmäler ? Und sind nicht alle Denkmäler, so bemüht und rechtschaffen sie auch sein mögen, irgendwie … hässlich ?

So hat sich der Philosoph Hegel vermutlich den, wie er sagt, notwendigen Anachronismus der Kunst nicht gedacht. Er dachte wohl eher an eine dialektische Reibung zwischen den Zeiten,
an den produktiven Widerspruch im Anachronistischen, als an die blanke Präsenz des
Repertoires der Vergangenheit. Dabei entstehen in der allmählich langweilig werdenden
und sich langweilenden Präsenz der Vergangenheit, also in unserem Konzertbetrieb, kurioserweise so spannende Formen wie die historische Aufführungspraxis, bei der die
alte Musik auf neue Weise so gespielt wird, dass sie alt erscheint und deshalb neu ist.
Und noch eine Spur verrückter wird es inzwischen, wenn man bedenkt, dass ein Stück
wie Ligetis „Poème symphonique“ für 100 mechanische Metronome heute, nur 40 Jahre
nach der Uraufführung, praktisch kaum mehr aufführbar ist, weil alle Welt digitale statt mechanische Metronome benützt. Aber gleichzeitigist es für jedermann möglich fast
überall altertümelnde Orchester auf Darmsaiten Barockopern darbieten zu sehen.

Also, liebe Dame Neue Musik, wo geht’s denn hier nun bitte zum Neuen?

und: Wie ist das eigentlich mit dem Neuen, ist das eigentlich eine gute Kategorie ?

Das Ende der Klassischen Moderne wurde ja schon mehrfach beschworen und die Post-
moderne schien das endgültige Aus des emphatischen Neuen, das mit dem großen N,
eingeläutet zu haben. Nun gibt es merkwürdigerweise aber immer noch Leute, die
komponieren (obwohl doch – viele Zungen behaupten es – eigentlich schon alles gesagt sei)
und diese Leute haben dummerweise keine Lust sich als brave Traditionalisten zu gebärden.

Wie Vieles ist auch das Denken der neuen Musik paradox, denn es gehört zum anachroni-
stischen Moment der Neuen Musik, dass sie ausgerechnet zutiefst romantisch ist. Der Sehnsuchtsgedanke, das Suchen nach dem Unerreichten und Unerreichbaren sitzt ganz
tief in der Seele der Neuen Musik. Dazu gehören auch die Phasen der Selbstreflektion und Selbstzerlegung, zu denen man getrost auch die Postmoderne zählen kann, in denen sich
die Moderne auf mehr oder weniger fröhliche Weise selbst dekonstruiert. Das ist in der
Moderne nichts besonders Neues, sondern konstituiert die Moderne, denn genau gerade
dadurch bleibt sie ja modern – ich erinnere hier nur stellvertretend an einen der größten Dekonstrukteure der Moderne, an Igor Strawinsky.

Aber: ist diese Selbstquälerei der Komponisten - und Sie als Publikum werden ja
mitgequält -  überhaupt notwendig? Wäre es nicht viel besser, wenn einfach alles nach
„damals“ schmecken würde?

„Das krampfhafte Suchen nach neuen Formen ist nichts anderes als hysterische Eitelkeit, kulissenreißerische Narrheit und Marktschreierei (…) Neue Formen ! Sind nicht die alten
so schmiegsam und dehnbar, dass sie für jedes Gefühl und jeden Gedanken Raum haben?“
– so schreibt Max Nordau im Jahre 1892.

Das klingt endlich doch ganz normal, oder ?

Das Buch, aus dem ich dieses Zitat entnommen habe, trägt aber den fürchterlichen Titel „Entartung“ und darin versucht der Arzt Nordau nachzuweisen, dass Kunst in einer
biologischen Degenerierung der Künstler (einem degenerierten Stirnlappen) ihren Ursprung
habe und medizinischer Hygiene bedürfe. Und es ist eine sehr bittere Ironie der Geschichte,
dass Nordau als Anwalt des so genannten gesunden Menschenverstands auf diese Weise den Nationalsozialisten den Begriff der „Entartung“ auf dem Tablett lieferte.

Dabei sollte man aber auch nicht übersehen, dass die nationalen Bewegungen zu Beginn
des 20. Jahrhunderts sich gerade als besonders modern und fortschrittlich verstanden
und alles neu machen wollten. Viele Parolen der Moderne halten sich aber kurioserweise
dabei an traditionelle Schemata und definieren ihre Fortschrittskategorien in Anlehnung
an die christlichen Kardinaltugenden „Glaube, Liebe, Hoffnung“: „Hygiene, Vergnügen
und Kampf“, der Wahlspruch des Futuristen Marinetti, gleicht dabei auf fatale Weise dem „Glauben – Gehorchen – Kämpfen“ Benito Mussolinis. Oberste Fortschrittskategorie
ist dabei, dass es einen Fortschritt gibt bzw. geben muss.

Da kommt der Mensch, der nicht gleich in dieses Bild passt oder passen möchte, leicht
zu kurz. Ich erinnere mich lebhaft an eine Karikatur der hypermodernistischen Architektur
Le Corbusiers, auf der man viele zackige neue Gebäude und riesige betonierte Plätze sehen konnte. Auf den Plätzen waren zusätzlich viele kleine schwarze Punkte eingetragen und ein Betrachter der Szenerie fragte einen anderen, was denn die schwarzen Punkte seien.
Der antwortete: Ach, das seien nur die Menschen, die „Kontrapunkte der Schöpfung“. Modernitätswahn ist zwar menschengemacht, das heiß aber nicht, dass diese dann
auch etwas davon haben.

Ein Problem der Moderne ist leider, dass der Fortschritt nie zum Glück führt. Der
Fortschritt verspricht zwar immer eine glückliche Zukunft, löst das Versprechen aber
nie ein, denn Fortschritt ist prinzipiell unendlich. Darin ist der Fortschrittsgedanke dem
religiösen sehr verwandt, nur ist er nicht jenseitsbezogen, sondern die goldene Zukunft
ist sein ewig unerreichbares Diesseits. Und uns bleibt in dem Schlamassel nur der
schlichte „Fortschrittsglaube“.

Also doch zurück ?

Spricht man über das „Zurück“, dann fällt sofort auch das Wort „Tradition“, mit Tradition
ist nicht zu spaßen, denn Tradition ist immer eine „Wertedebatte“.

Da ich aus Bayern komme ist mir der Traditionsdiskurs mehr als vertraut, aber selbst
dort hat Tradition immer einen doppelten Boden, denn die bayrische Tradition –
meine Landsleute würden mich für meine Bemerkungen mit Einreiseverbot belegen -
ist zu einem großen Teil Selbsterfindung.  So wurde paradoxerweise der Schuhplattler
im Allgäu erst dann zu einem traditionellen Tanz, als der Tourismus das Vorhandensein
des Schuhplattlers einforderte. Ein schuhplattlerfreies Allgäu war schlicht nicht vorstellbar
und die touristische Nachfrage hat daraus einen urwüchsigen Allgäuer Brauch gemacht.
Um Tradition zu vermitteln, wurde also an einem Ort ohne Schuhplattlertradition diese
„Tradition“ eingeführt. Und das ist, wie die ganze „Trachtenhuberei“, ausgesprochen modernistisch. Der scheinbare Rückbezug zum vermeintlich Ursprünglichen,
zu Wadlstrümpf und Gamsbart, erlaubt zwar den Widerspruch zur scheinbar feindlichen
Technik-Welt zu kaschieren, aber der echte Trachtler fährt zu seinenTraditions-Festivitäten
dann doch lieber mit dem neuen japanischen Geländewagen per GPS, als zum Beispiel
mit dem Fuhrwerk.

Wir sehen: das „schmeckt wie damals“-Prinzip klappt nur, weil es eben nicht wie damals schmeckt und weil es nur aus der Distanz genießbar ist. Und die Taschenlüge des
„Klassischen“ bzw. des „Ursprünglichen“ führt nur zu einer Verklärung der Vergangenheit.

Also, wohin denn nun, wo ist denn jetzt das Neue, das die Alte Dame Neue Musik immer
noch verspricht ?

Ich zeige Ihnen mal, wie das geht mit dem Neuen:

Nehmen wir an, ich setze mich hierher, rauche eine Zigarre und behaupte dies sei Kunst
(es zuckt mich in den Fingern, aber ich fürchte, dass auch in der Schweiz inzwischen
das Rauchen in öffentlichen Gebäuden verboten ist).

Und nun versuche ich es ästhetisch zu beschreiben bzw. zu legitimieren oder, wie man so
schön sagt, es zu „verbrämen“: mein Stück heißt natürlich „sound of smoke“, es ist der
zündende Gedanke, gleichzeitig ist es eine drastische Darstellung der Vergänglichkeit,
die schönen Formen und das sinnliche Scheinen der Idee werden im Rauch Wirklichkeit -
wir erleben das Aufgehen der Form im Material und umgekehrt. Auf doppelte Weise
thematisiert das Stück die vanitas, zum einen als Arbeit (in der Vergänglichkeit des
Streichholzes – also eher protestantisch), zum anderen als Genuss (im allmählichen
Vergehen der Zigarre – also eher hedonistisch-katholisch). Das Stück, das ein interessanter Crossover zwischen bildender Kunst, Performance und Musik ist, bildet zahlreiche
Querbezüge zu anderen Meisterwerken, allen voran zu Magrittes „Das ist keine Pfeife“
und es korrespondiert mit tiefsinnigen Redensarten wie: Alles ist Schall und Rauch.
Der Rauch kann auch als Sinnbild der Musik gesehen werden, wie dies in der
Konzept-Kunst und im Fluxus geschieht, und von ferne grüßen Yoko Onos Kurzfilm „One“,
in dem ein Streichholz in slow motion entflammt wird, und ebenfalls ihr „Snow-Piece“,
in dem der Klang des Stückes noch leiser als bei einer glimmenden Zigarre ist.
Aber man kann auch umgekehrt argumentieren. Das Stück ist keinesfalls Fluxus, sondern ein geschlossenes Werk, dessen Dauer eindeutig durch die Zigarre vorgegeben ist, in dem wir schließlich sogar eine  Bogenform vorfinden: Anzünden-Rauchen-Ausdrücken.
Und nicht zuletzt erleben wir eine groß angelegte Modulation von der klar geformten
Zigarre zur amorphen Asche. Das Stück bietet obendrein Platz für Interpretation:
welche Streichhölzer, welche Zigarre wählen wir - daneben sogar Platz für Nationalismen,
wie sie in der Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts so beliebt waren: Sumatra
und das Tempo der Aufführung ist entscheidend, denn der Atem des Interpreten
bestimmt den Puls, den Rhythmus und die Dauer des Stückes. Natürlich ist ebenfalls, kunstimmanent betrachtet, ein Hedonismus-Vorwurf möglich (l’art pour l’art),
ebenso Hygiene & Gesundheits-Argumente, man kann dem Stück vorwerfen
es wäre zu wenig Arbeit drin, und schließlich sei es ohnehin epigonal etc. etc.

Nun, zumindest bietet es Stoff für eine Reihe von Diplomarbeiten und allemal ist es,
vor allem wenn ich das Stück privat aufführe, ein Genuss. Und das Beispiel zeigt,
wie vielfältig unsere Diskurse über Kunst sind, wie sehr sie mit den Begriffen Vergangenheit, Zukunft, Modernität, Fortschritt, Neu etc. spielen und von ihnen bestimmt sind,
wobei der Gegenstand, an dem sich unsere Leidenschaft entzündet, oft ganz unbeteiligt
und zufällig sein kann.

Ich sehe aber auch, dass sich, ganz jenseits unseres bestehenden, quasi geschützten
Diskurses über alte und neue Musik, in unserer Zeit etwas Wesentliches verändert, dessen mögliche Realität der Kunsthistoriker Beat Wyss so beschreibt:

„Die Informationsgesellschaft droht zu einem System unter Ausschluss der Öffentlichkeit
zu werden. Hochinformierte, chronisch überarbeitete Minderheiten thronten in gläsernen
Büroetagen mit Aussicht auf ein Meer urbaner Verelendung. Die Datenkanäle erreichten
die da oben unter Umfahrung der zerfallenden Stadtteile und banlieues. Wie heute schon
in Rio de Janeiro oder in Los Angeles, kehrten diese wenigen, die die Informations-
gesellschaft ausmachen, abends in ihre befestigten Bungalowsiedlungen zurück,
deren Golfplätze von Privatmilizen bewacht würden. Der Sohn studiert in Harvard,
da die staatlichen Bildungseinrichtungen obsolet sind. Die Informationsgesellschaft
zahlte ja keine Steuern und würde sich daher den sozialen Service privat leisten können.
Ein solches Szenario ist in Ländern, die wir zur dritten Welt zu zählen pflegen,
bereits Wirklichkeit. Wir sind auf dem Weg uns diesem Standard anzupassen.
Die Frage ist nur, wie lange die Informationsgesellschaft ihr Inseldasein überleben kann,
wenn das soziale Netz ganz zerrissen ist. Online sein heißt, nicht dabei zu sein.
Und überdies verfügt eine Mehrheit der Menschen auf der Erde nicht einmal über
eine Steckdose, jene technische Bedingung der Möglichkeit, zur Informationsgesellschaft
zu gehören. (...) die Informationsgesellschaft ist nachtraditional.“

Wenn das wirklich so ist und das Szenario ist, blickt man auf unverhältnismäßig
wachsende Anzahl und Größe der Megastädte, sehr realistisch, dann wird es bald
keine Kunst, aber auch keine Geschichte in unserem Sinne mehr geben, sondern
ein blankes „Jetzt“. Gegen diese Form des Fortschritts als Automatismus, gegen
das reine Fragen der technischen Produktion nach dem Wie, muss meiner
Ansicht nach immer noch, immer wieder und immer neu die Frage der Kunst und Humanwissenschaften stehen: die Frage nach dem Warum. Ohne diese Form
des offensiven  Anachronismus sind wir als Menschen verloren.

Was machen wir also nun mit dem viel beschworenen Neuen und seinem
vermeintlichen Gegenüber, dem Alten ?

Ich rate bei Beidem schlicht zu Vorsicht, denn die zweifelhaften Kategorien
Alt und Neu gleichen sehr der von Walter Benjamin beschriebenen „Räuberpistole
des Entweder-Oder“, als gäbe es entweder nur neu oder nur alt. Aber die Geschichte
und auch unsere Zeit lassen sich ja leider und glücklicherweise nicht wie in historischen Panoramen von oben betrachten, als wären wir Gott, sondern wir stecken mittendrin
und da sieht man bekanntlich nicht sehr gut und nicht sehr weit.

Und nun sehen Sie es genau: das Neue kann und will ich Ihnen hier nicht erklären.
Insofern ist mein Vortrag eine Mogelpackung, aber das sind sie wahrscheinlich
von den sonstigen Neujahrsansprachen schon gewöhnt.
Aber vielleicht kann ich Sie ja, ganz anachronistisch, mit einen Menuett
von Ludwig Tieck trösten. Es stammt aus seinem, im Jahre 1798 verfassten
Theaterstück „Die Verkehrte Welt“:

Menuetto con Variazioni 

Es sind schon so viele Menuetten gemacht, dass es schwer ist, ein neues Thema zu finden.
Bringt nun, ihr ruhigern Töne, wo möglich Vernunft, Absicht und Anwendung in das
Schauspiel, da es bald zu Ende ist;  vielleicht ist der Schluss das Beste.
– Aber, könnte man fragen, wäre es nicht zweckmäßiger, wenn dergleichen
Werke nicht geschrieben würden ? Das Höchste, was sie erreichen, ist:
dass sie uns den Kopf verwirren.

Je nun, eine gute Verwirrung ist mehr wert, als eine schlechte Ordnung.

Variazio I 

Das Neue ist bei einer Menuet, wie bei allem Vernünftigen, ein sehr entbehrliches Prädikat;
in recht neumodischen Menuetten kommt man gar leicht aus dem Takt. Ob das Schauspiel
nicht ganz ohne Takt-Abteilung mag geschrieben sein ? – Aber wozu all die Verwirrung?
Krieg und Frieden, Ernst und Scherz ? Nichts ist durchgeführt, keine Idee hält uns stand.
Wozu die Qual, da wir schwerlich unterhalten sind.

Je nun, sind wir doch gequält, und das ist vielleicht jezuweilen auch Unterhaltung.

Variazio II

Wer darauf ausgeht etwas Unerhörtes zu schaffen, kann gar leicht ins Alberne, hinter
die ersten Anfangsgründe des Verständigen geraten, weil nirgend warnende Tonnen
gelegt sind, den Schiffer von Untiefen und Sandbänken zurückzuweisen. Der Verirrte
hält dann das Kindische für das Neue und Seltsame; aus Sucht am Exzentrischen ist er abgeschmackt geworden; o wehe dem Dichter, der in das Gebiet hineinsegelt!
– Aber, ist es nicht vielleicht dem gegenwärtigen so ergangen?
– den englischen Lustspieldichtern hat man oft vorgeworfen, dass sie die dummen
Charaktere mit vielem Witze schilderten, diejenigen aber ohne Witz und Verstand auftreten ließen, die im Stück für witzig und geistreich ausgegeben würden; von den deutschen
Lustspielern kann man dies nicht behaupten; ihnen geraten die Narren nicht,
aber aus den Vortrefflichen und Verständigen, die sie schildern, werden,
ohne dass sie es merken, unvergleichliche Narren; und also kann sich ein deutscher Komödiendichter immer mit einem englischen messen.

Je nun, vortreffliche Leser, die Narren entgehn euch also auf keinen Fall, der Dichter mag
sich gebärden, wie er will; woraus ich den Schluss ziehe, dass es weit vorteilhafter sei,
ein Leser als ein Dichter zu sein.

Variazio III

Alles Vortreffliche ist immer noch neu, so alt es auch sein mag, es wird sich noch lange so erhalten, denn man nützt es durch Gebrauch nicht sonderlich ab. Wer den Satz versteht,
dem ist unbenommen, neu zu sein.  – Aber, Lesewelt, Zuhörerschaft, wenn du dich
etwa im Zustande des Nichtverstehens befinden solltest ! Wenn der Teufel es ordentlich
so veranstaltete, dass du dich zu klug fühltest, um klug zu sein ! Kannst du vielleicht
gar nicht einmal das Thema aus unseren Variationen heraushören ?

Je nun, so haben wir sie doch gespielt, wir legen den Bogen hin und gehen nach Hause.

www.johannes-schoellhorn.de