ARCHIV > SAISON 2005 >Schattenrisse


Schattenrisse

8. November 2005
19.00 Uhr Einführung
20.00 Uhr Vorstellung
Kurtheater Baden

www.aequatuor.ch

www.kurtheater.ch

Schattenrisse

Zwei Kammeropern – Gastspiel des Ensembles aequatuor

Alfred Zimmerlin «Euridice spricht»
Nadir Vassena «Schlaflos»
Regie: Peter Schweiger

Vom Schatten der Vergangheit

Motto: ‚Von den drei Reichen: dem Tod, der Musik und der Liebe, ist der Tod das absoluteste, die Musik das überwältigendste und die Liebe das gefährdetste.’
(Hans Saner)

Zwei Kammeropern zweier schweizer Komponisten wurden unter dem Gesamttitel ‚Schattenrisse’ als Uraufführung
an den Luzerner Festwochen dieses Jahres gezeigt.
In beiden Werken sind die glanzvollen Opernhelden von gestern durch psychisch verletzte oder gestörte Alltagsmenschen von heute ersetzt - aber auch sie
tragen die Schatten ihrer Vergangenheit als grosse Bilder
und unauflösbare Emotionen mit sich herum. 

Schlaflos

Der tessiner Komponist Nadir Vassena hat einen Text
von Mascha Kurtz vertont, dessen Hauptperson ein älterer Mann ist, der behauptet, als Kind seinen jüngeren Bruder umgebracht zu haben. Das Motiv scheint klar:
Eifersucht auf dessen Beliebtheit. Da er ihn so getötet hat, dass nie aufgedeckt werden konnte, wer es gewesen ist,
trägt er das ganze Leben das Problem der Schuld,
des sadistischen Triumpfes, des Verlustes seiner Liebe
und der Einsamkeit mit sich herum. Seine Tochter,
die ihm von Zeit zu Zeit den Haushalt richtet,
scheint aber ganz ungerührt:
so dass im Verlauf der Handlung immer unklarer wird,
ob die Geschichte überhaupt wahr ist. Ist alles eine Erfindung, um sich in Szene zu setzen?
Eine Projektion des frühen Todes des Bruders zur Aufwertung des eigenen, unbedeutenden Lebens?
Ist es ein Versuch, mit der Fiktion eines Mordes Druck
auf die Familie ausüben zu können?
Sitzt der alte Mann vielleicht sogar im Irrenhaus
oder im Gefängnis?
Die Musik breitet viele Stimmungen aus, die alle gleichzeit wahr sein können: psychisches Leiden, Phantastereien, Kriminalgroteske oder Gruselfilm. Übrigens - der namenlose Mann singt nicht: er spricht zur Musik in den verschiedensten Abstufungen von erzählerischem und melodramatischem,
ganz freiem und manchmal auch streng gebundenem Rezitieren.

Euridice singt

Der aargauer Komponist Alfred Zimmerlin hat einen Gedichtzyklus von Raphael Urweider zum Anlass genommen, die Geschichte des mythischen Liebespaares aus der Perspektive der Frau aufzurollen.
Sie, die in der klassischen Literatur schweigt, ist es diesmal, die herauszufinden versucht, weshalb sie trotz der Erlaubnis der Götter, dass Orpheus sie wieder ins Leben zurückführen darf, zurücksinken muss in das ewige Dunkel.
Ist es die Unwiderbringlichkeit des Glücks, das beide genossen haben?
Ist es die Selbstvergessenheit des göttergleichen Sängers?
Ist es vielleicht sogar der Vorrang der Kunst vor der Liebe,
ja vor dem Leben?
In diesem Einakter reflektiert und erleidet Euridice ihr Schicksal in lyrischer Eindringlichkeit, während Orpheus sich ausschliesslich instrumental ausdrücken kann. 

Konzentration

Beide Stücke zeichnet kunstvolle Beschränkung aus: kammermusikalische Besetzung, je eine Hauptperson,
eine Musik im Zwischenbereich vokaler Schönheit und geräuschhaftem Schweigen, eine Ausstattung, die die  gegensätzlichen Orte sinnvoll zusammenschliesst,
schliesslich auch eine ungewöhnliche Kürze: jeder Operneinakter dauert gerade 40 Minuten.

Ich freue mich sehr, dass das Kurtheater Baden meine Inszenierung dieser anregenden Stücke in den Spielplan genommen hat. 

Peter Schweiger