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Pressespiegel

Neue Zürcher Zeitung – Zürich und Region – Montag 19. 9. 2005

Das Museum als temporäres Schulzimmer

Eine Klanginstallation von Alfred Zimmerlin in Baden

Wie lässt sich ein Museum zum Klingen bringen? Sekundarschüler und ihre Lehrer haben in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Alfred Zimmerlin und dem Historischen Museum Baden einen pionierhaften künstlerischen Arbeitsprozess erlebt. Das Resultat ist die Klanginstallation «Dinge - Zeit».

Dorothee Vögeli.
Bei der Morgentoilette, auf dem Weg zur Arbeit, beim Essen - sobald wir uns bewegen, erzeugen wir eine Tonspur. Im Lauf der Jahrtausende hat sich die Klangwolke, in der wir leben, verändert. Unser «klingendes Biotop», wie derAargauer Komponist Alfred Zimmerlin sagt, hat sich ins-besondere durch den technischen Fortschritt gewandelt. Wie liesse sich das Klangbild unserer Zivilisation ins Bewusstsein rücken?

Der Gesamtklang einer pulsierenden Stadt

Den Anstoss zur Erarbeitung und Realisation eines entsprechenden Konzepts hat GNOM, die Gruppe für neue Musik Baden gegeben.

Sie beauftragte Alfred Zimmerlin, zusammen mit dem Historischen Museum Baden und 44 Sekundarschülern eine Klanginstallation zu entwickeln. Am Freitag präsentierten die Beteiligten in der permanenten Ausstellung des Historischen Museums das verblüffende Resultat eines mehrmonatigen intensiven Arbeitsprozesses mit dem Titel «Dinge - Zeit» der Öffentlichkeit.

Verblüffend ist diese Intervention im Museum für den unvoreingenomme- nen Museumsbesucher, der mit sechs Klanggeschichten konfrontiert wird, die gleichzeitig aus sechs unauffällig bei einzelnen Museumsobjekten aufgestellten Lautsprechern schallen. Je nach Standort treten aus dem Klangteppich menschliche Stimmen, Schritte, eine einzelne Klingel, Teller- klappern, Wasserrauschen oder die Bremsen eines Schnellzugs hervor. Als Ganzes erlebt der Besucher aber das pulsierende Leben einer Stadt, einen Klang von mehr als zehntausend Menschen, die ihren alltäglichen Verrichtungen nachgehen

Dieser Effekt von «Dinge - Zeit» frappiert auch die Beteiligten, allen voran Alfred Zimmerlin selbst.

Zu Beginn war lediglich klar, die Schüler sechs Museumsobjekte auswählen zu lassen, die mehrheitlich den Alltag der letzten 150 Jahre repräsentieren. Zur Auswahl standen Gegenstände wie ein Fahrrad, ein heilgymnastisches Gerät oder eine Badewanne, die Themen wie Verkehr, Fitness oder häuslicher Bereich symbolisieren. Zimmerlins Idee zielte dahin, die Jugendlichen auf der blossen «Ohrebene» mit den Gegenstän- den zu konfrontieren und sie Bezugspunkte zur Gegenwart suchen zu lassen. «Das klang zunächst sehr abstrakt, hat aber sofort funktioniert», hält der Komponist fest. Voraussetzung war allerdings die Vorarbeit der Lehrer der beiden beteiligten Schulklassen, Reto Eglauf und Mark Fry.

Um den Jugendlichen das bewusste Hören beizubringen, eröffneten sie im Schulzimmer eine sogenannte Geräuschekiste. Sie enthielt Gegenstände wie Bürsten, Ketten oder Zeitungen, mit denen sich wie in Zeiten des Stummfilms Pferderennen oder Bahnhoftreiben klanglich darstellen lassen. Die Jugendlichen nahmen die Geräusche auf und produzierten sogenannte Ohrenfilme. Dann gingen sie ins Museum, ohne genau zu wissen, was sie dort erwartet. Nach einer Einführung in die historischen Hintergründe der ausgewählten Objekte begann in Gruppen der kreative Prozess, die spielerische Auseinandersetzung vor Ort: Zeichnend, Geschichten schreibend oder Ohrenfilme produzierend umkreisten die Jugendlichen während anderthalb Wochen ihre Gegenstände. Sie gingen mit dem Mini-Disk-Gerät in die Stadt, machten akustische Langzeitbeobachtungen an Strassenkreuzungen oder Aufnahmen im Mac Donald, der modernen Form der im Museum ausgestellten Volksküche. Sie kreierten kurze Vokalstücke und inszenierten ihre zum Teil völlig frei assoziierten Geschichten mit theatralischen Elementen.

Ein Konzept mit vielen Nebeneffekten

Alfred Zimmerlin fasste schliesslich am Computer das Tonmaterial der sechs Gruppen in sechs Tonspuren von je knapp zehn Minuten zusammen. Jede halbe Stunde beginnen sie im Museum simultan zu klingen und vermitteln das Gefühl, den Alltag einer Stadt mitzuerleben.

«Das isch iigfahre», sagen die Jugendlichen. «Die Grundidee hat sich be- währt», sagt Zimmerlin, den die Offenheit und Vitalität der Jugendlichen überrascht hat. Die Klanginstallation sei ein geglücktes Beispiel einer projektbezogenen Zusammenarbeit von verschiedenen Institutionen, sind sich Lehrer, Museumsverantwortliche wie Auftraggeber einig. Der Gradmesser für den Erfolg sind denn auch die vielen positiven Nebeneffekte: Die Jugendlichen haben Spass am Museum bekommen, sie haben gelernt, schnell kreative Lösungen zu finden und durchzuhalten. Schliesslich haben sie gemerkt, dass gewisse Ziele auch in individua- listisch geprägten Zeiten nur in der Gruppe erreichbar sind.

Aargauer Zeitung – Regional - Montag 12. September 2005

Auf der Spitze einer 2000 Jahre alten Zeitsäule

BADEN: Eine Kianginstallation im Historischen Museum: Sekundarschülerinnen und -schüler von Reto Eglauf und Mark Fry haben in der Stadt Geräusche eingesammelt.

Badener Sekundarschüler haben Klänge und Geräusche aufge- zeichnet, haben Tonspuren gezogen durch Räume und Zeit. Musiker Alfred Zimmerlin hat das Material, zusammen mit den «Jungmusikern», gemischt und zu einer Klanginstallation gefügt.

HUBERT KELLER Das Historische Museum, dem die Badener den Übernamen „Melonenschnitz“ gegeben haben, liegt wie eine Arche am Ufer der Limmat. Sein Schiffsrumpf birgt Spuren des alltäglichen Lebens aus Baden und Umgebung aus 2000 Jahren.
Vierundvierzig Schülerinnen und Schüler der zweiten Sekundarklassen von Reto Eglauf und Mark Fry haben in den vergangenen Wochen und Monaten das Museum als Schulraum genutzt. Haben Museumsgegenstände, die das Leben, den Alltag von früher darstellen, aus ihrem stummen Dasein gerissen und ihnen wieder Laute gegeben, Geräusche und Klänge.

DER KLANG DER GEGENWART

Mit der von Alfred Zimmerlin, zusammen mit den Schülerinnen und Schülern, komponierten Klanginstallation wird zur Vergangenheit auch die Gegenwart ins Museum geholt - als Klang. Denn die Gegenstände im Museum ruhen stumm. Zu sechs ausgewählten alltäglichen Gegenständen werden unauffällig Lautsprecher gestellt. Aus ihnen klingt als Grundklang der Umweltklang von heute, zum Beispiel von den jeweiligen Fundorten oder von einer Umgebung, in der eine heutige Version des Gegenstandes im Gebrauch ist.

Alfred Zimmerlin arbeitet im Auftrag der Gruppe für Neue Musik Baden, Gnom. Diese Gruppe von Musikern und Komponisten schlägt Brücken zwischen verschiedenen Stilen, Strömungen und Kunstformen und arbeitet beispielhaft mit anderen Kulturinstitutionen zusammen.

Im Verlauf der Jahre entstanden mit Gnom Koproduktionen von sparten- übergreifenden Veranstaltungen mit dem ThiK, dem forumclaque, dem Theater am Brennpunkt, der Theatergemeinde, dem Figura-Festival oder der Ateliergemeinschaft Spinnerei, dem ornithologischen Verein und den Kammerkonzerten in Wettingen.

ERLEBNIS KULTURORT

Und nun sind auch das Historische Museum und die Schule die «Brücken- köpfe» für solch künstlerische Auseinandersetzung geworden. Dass Kulturorte wie das Museum mit der Schule zusammenarbeiteten, liege durchaus im Interesse der Stadt, sagt Museumspädagogin Luisa Bertolaccini. Sie war erstaunt über die „konzentrierte Arbeitsatmosphäre“, welche die Jugendlichen ermöglichten.

Die Schülerinnen und Schüler des Schulhauses Pfaffenkappe haben über die Museumsgegenstände - eine Glocke, die bei Oederlin zur Arbeit rief, ein Fahrrad, eine Badewanne oder die Einrichtung einer Volksküche - nachgedacht und sich von ihnen inspirieren lassen. Sie haben in Forschungsaufträgen Umweltklänge recherchiert, Geschichten, Szenen verfasst, sie haben mit einer «Geräuschkiste» so genannte «Ohrenfilme» produziert, Klanggeschichten, die sich mit der Vergangenheit und der Gegenwart der Gegenstände auseinandersetzen. Und sie haben kurze, einfache, eigens für sie geschriebene Vokalstücke zu den Gegenständen gesungen.

Geräusche und Klänge wurden daheim in der Familie aufgenommen, im Warengeschäft, im Musikeratelier, am industriellen Arbeitsplatz oder bei McDonald's. Aus all den gesammelten Materialien wurden schliesslich am Computer Klangobjekte hergestellt, die gemeinsam mit Zimmerlin zu einer Tonspur montiert wurden. Jeder Gegenstand hat so seine Klanggeschichte erhalten. In der Installation erklingen diese sechs «Geschichten» simultan.

MAN HÖRT DEN ALLTAG

Die Lehrer Eglauf und Fry beschreiben die Klanginstallation so: «Während draussen der Fluss vorbeirauscht, dem Meer zu, hört man im Museum die Tonspuren des Alltags, Verkehr, ab und zu eine Glocke, Baulärm, je nach Standort Passanten . . .

Wir leben im Museum gleichsam auf der Spitze einer Zeitsäule, die 2000 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Das Museum - sonst ein Ort der Ruhe - beginnt zu ausgewählten Zeiten zu klingen. Die Vibratonen erzählen von den Dingen und von ihrer Zeit.»

Eine andere Kunsterfahrung

Lehrer und Schüler haben Neuland betreten

«Die ganze Produktionsphase war ein Abenteuer sondergleichen», erklären die Lehrer Reto Eglauf und Mark Fry. «Es war erstaunlich, mit wie viel Phantasie und eigenen Ideen die Schülerinnen und Schüler ihre teilweise gar nicht einfachen Aufgaben anpackten und wie sie sich das Historische Museum Baden dabei zu Eigen machten. Wir haben alle, Schüler, Lehrer, Musiker und Museumspädagogin, Neuland betreten.»

Das kulturelle Erleben der Schüler wurde weit über das Landläufige hinaus erweitert. Was ein Musical ist, wissen die Kinder, was Musik und Kunst auch noch sein können, haben sie mit diesem Projekt auf eine äusserst lustvolle und intensive Weise erlebt und erfahren. (Kel)

Aargauer Zeitung Michael Heisch

Der Aargauer Komponist Alfred Zimmerlin begleitete 44 Schülennnen und Schüler bei einem künstlerischen Arbeitsprozess. Das spannende Ergebnis lädt im Historischen Museum Baden zum akustischen Erleben ein.

Andächtiges Betreten, weihevolle Ruhe. Der Museumsbesuch gleicht oft einem katzenpfotigen Kirchgang, einem vorsichtigen Vorbeischaukeln entlang der Vitrinen, die Blicke ruhen auf (Kult-)Gegenständen einer weit entfernten Vergangenheit. Das Wort „Museion» verheisst uns allerdings Lebhafteres. Im «Musenheiligtum» ging die Post ab, wenn wir den antiken Klassikern (noch) Glauben schenken dürfen.

Vorbei mit der Ruhe

Alfred Zimmerlin, ein ebenso kreativer wie viel beschäftigter Komponist, Musiker und Publizist, ist in seinem Musikschöpfen zugleich ein origineller Denker und kritischer Zeitbetrachter. Das hat GNOM, die Gruppe für neue Musik Baden, längst erkannt und deshalb Zimmerlins Schaffen als Schwerpunkt ins diesjährige Programm aufgenommen. Darüber hinaus beauftragte Gnom ihn mit einer Klanginstallation im Historischen Museum Baden, unter der Mitwirkung der zweiten Sekundarklassen von Reto Eglauf und Mark Fry des Schulhauses Pfaffenchappe. Das Klangprojekt «Dinge - Zeit» verspricht ein Abenteuer sondergleichen zu werden, bei dem es mit der Ruhe an einem sonst so ehrwürdigen Ort vorbei ist. Aus gesammelten Materialien entstehen Klangobjekte, die den schülereigenen Ideen und Fantasien uneingeschränkten Lauf lassen - vorderhand im Halbstundentakt.

Keine leichte Aufgabe, einer solch unspruchsvollen Realisation beizukommen. Alfred Zimmerlin verfügt indes über sehr unterschiedliche Kompositionsverfahren und bringt darin genauso viel Erfahrung wie Erkenntnisse mit. Häufig arbeitet er mit der Vielfalt musikalischer Gestalten und schichtet heterogene Zonen. Das Hörerlebnis ist Naturgeräuschen nicht unähnlich. Seine Gebilde vergleicht Zimmerlin mit einer historisch gewachsenen Landschaft oder eben einem Ort.

Töne für heilige Gebeine

Das Badener Museum, so betrachtet, birgt wie ein Schiffsrumpf Spuren des alltäglichen Lebens aus 2000 Jahren. Begeben wir uns in diese Arche, lauschen wir ebenso den Spuren des heutigen Alltags, dem Verkehr, einer Glocke, vorbeiziehenden Passanten. Die Klanginstallation verbindet somit die Vergangenheit mit der Gegenwart.

«Ruht wohl ihr heiligen Gebeine» - für gewöhnlich liegen die Museumsobjekte stumm in der Vitrine. Jetzt gesellen sich zu sechs ausgewählten Gegenständen unaufällig Lautsprecher, aus denen Umweltklänge erklingen. Die Schüleiinnen und Schüler erhielten den Forschungsauftrag, nach Materialien zu recherchieren, um daraus Geschichten und Szenen zu verfassen. Weiter haben sie kurze, eigens für sie geschriebene Vokalstücke zu den Gegenständen gesungen. Die Umweltklänge «erzählen» von den jeweiligen Fundorten oder von einer Umgebung, in der eine heutige Version des Gegenstandes im Gebrauch ist. Das gesammelte Material ist zu einer Tonspur montiert, die zuvor am Computer als Klangobjekt hergestellt wurde. Man darf also gespannt sein, wenn in den Konservierungsräumen für diesmal die Ohrenfilme flimmern-und Geräuschkisten rappeln.