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Programm

Kritik



Programm – über Grenzen hören


Sonntag, 26. Oktober 2003, 17 Uhr
Theater am Bahnhof, Reinach AG

Erik Satie
(1866–1925)



Frederic Rzewski
(1938)




T
Frank Zappa
(1940–1993)
Gymnopédies Nr. 3 und 1 (1888)
Gymnopédies Nr. 2 (1888)
Bearbeitung von Beat Fehlmann für Bläser, Keyboard und Schlagzeug

Les Moutons de Panurge (1969)
für eine beliebige Anzahl Spieler auf Melodieinstrumenten
Gymnopédies Nr. 2 (1888)




Black Page Part II (1977)
arrangiert für zwei Bläser, Keyboard und Schlagzeug


GNOMEnsemble:
Beat Fehlmann, Klarinetten
Lars Mlekusch, Saxophone
Petra Ronner, Keyboards
Martin Lorenz, Schlagzeug

Mit Lesungen von Klaus Merz, Autor



Sonntag, 7. Dezember 2003, 17 Uhr
Singisenforum, Muri

Erik Satie
(1866–1925)


Vinko Globokar
(1934)

Frederic Rzewski
(1938)

Traditionelle Lieder



Christian Wolff
(1934)

Erik Satie (1866–1925)

Traditionelle Lieder


Frank Zappa
(1940–1993)
Gymnopédies Nr. 3 und 1 (1888)
Bearbeitung von Beat Fehlmann für Bläser, Keyboard und Schlagzeug

SKELET (1995)
für vier Musiker und Live-Elektronik

Les Moutons de Panurge (1969)
für eine beliebige Anzahl Spieler auf Melodieinstrumenten

Bir of çek sem karsikî daglar yikiliri (Anatolien–Türkei)
Min durû toj dur (Kurdisch–Irak)
für Stimme und Schlagzeug

Burdocks (1970/71)
für 3–5 beliebige Instrumente

Gymnopédies Nr. 2 (1888)

Seve ben senin delerini seve (Anatolien–Türkei)
für Stimme und Schlagzeug

Black Page Part II (1977)
arrangiert für zwei Bläser, Keyboard und Schlagzeug


GNOMEnsemble:
Beat Fehlmann, Klarinetten
Lars Mlekusch, Saxophone
Petra Ronner, Keyboards
Martin Lorenz, Schlagzeug

Gast:
Suna Basgürboga, Stimme


GNOM interpretiert den Grenzbegriff musikalisch und stilistisch. Das Programm vereinigt Kammermusikwerke des zwanzigsten Jahrhunderts und kreist um die Grundbesetzung Klarinette, Saxophon, Keyboard und Schlagzeug.

Die Arrangements von Satie’s «Trois Gymnopédies» schlingern refrainartig der Geschmacksgrenze entlang. Rzewski und Zappa vereinigen die Instrumente im Unisono. Zappa fordert ein hochvirtuoses Zusammenspiel in der Sprache der Rockmusik. Rzewski prognostiziert die Explosion desselben und stellt ein Sicherheitsdispositiv für den Katastrophenfall. Wolff leitet zum Reaktionsspiel an und stellt dafür Improvisationsmaterial bereit.

Globokar verlangt nach einem Gast aus einem anderen Kulturkreis. Die kurdische Sängerin fügt Fragmente aus ihrem persönlichen Repertoire in den Ablauf des Ensemblestückes ein. Die Komposition formuliert Nahtstellen und arbeitet die heterogenen Musiken ineinander.

Die Gesänge der kurdischen Kultur verlangen traditionell nach rhythmischer Stütze. In ihnen klingt nicht nur ein geografisch ferner Raum, sondern auch eine Musik ohne Zeitengrenze.

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Kritik

07.03.2003

Die Badener Gruppe GNOM im Didaktikum Blumenhalde, Aarau
Christop Gallio

Gewisse Konzerte beschreibt man am besten in Bildern. Zum Beispiel das
Konzert der Gruppe GNOM vom vergangenen Freitag, das zu einer inneren
Reise von Tokio bis in den zürcher Kreis 4 inspirierte.

Über die Kettenbrücke in Aarau, an der Opium Lounge vorbei, wird man direkt ins Tokioter Quartier Ginza versetzt. In der vierten Etage eines Kaufhauses, auf der Abteilung Damenbekleidung für gehobenere Ansprüche, wird für die Kundschaft stundenlang Satie von einer Keyboarderin gespielt. Und in Aarau ertönen zum Auftakt? verspielt, wohltuend kitschig im CASIO-Gewand? Eric Saties Gynopédies Nr. 3 und 1. Diese und die Nr. 2, welche zu einem späteren Zeitpunkt das abendfüllende Programm zum Thema «Eine Grenzerfahrung» auflockerte, wurden humorvoll und mit grossem Respekt zum Original vom Klarinettisten Beat Fehlmann für das GNOMEnsemble bearbeitet. Zur Sache gings dann mit Vinko Globokars Komposition «SKELET» (1995) mit der kurdischen Sängerin Suna Basgürborga, dem Gast aus einem anderen Kulturkreis (wie es der Komponist verlangt). Über den «Blues» mit Frage- und Antwortspiel zwischen Gast und Gastgeber entwickelt sich? nach einem zu Beginn eher belanglosen, unkoordinierten Nebeneinander? ein Miteinander. Dies wurde mit stärkerem Verfremden der Gesangsstimme durch Live-Elektronik und mit auflockernden Anteilen an Improvisation, welche Annäherungen erlaubte, erreicht. Passagenweise hätten die Klänge Tonspur zu einem Video der iranischen Künsterin Shirin Neshat werden können. Leider störten die szenischen Eingriffe, wie das Füllen von Weingläsern und das Zuprosten unter den Agierenden, den Fluss des Stücks, und wirkten neben der heute drohenden Kriegsgefahr in ihrer etwas naiven und plumpen Symbolik, etwas hilflos. Frederic Rzewskis Komposition «Les Moutons de Panurge» aus dem Jahre 1969 vereinte die Augen der Schlange Kaa aus Disneys Dschungelbuchverfilmung mit Duchamps «Rotoreliefs». Anfangs repetitive Unisonomelodienlinien verschieben sich minimal, gehen in einen beschleunigten wilden Free-New-Orleans-Marchingbandgroove über, und vor der Öffnung der Zoogehege und dem totalen Chaos meldet der Flipperautomat «TILT». Auf das Gewitter zu viert folgten traditionelle Lieder aus dem kurdischen Nordirak und Anatolien. Basgürborgas bewegender Sologesang wurde vom Schlagzeuger Martin Lorenz auf einer einfachen Handtrommel in traditioneller Manier untermalt. Vom Bild des sonntagmorgendlichen Treffens der Badener Kurden in der Halle 36 ging die innere Reise weiter nach Zürich an die Magnusstrasse, wo die Improvisatinsspezialisten in der W.I.M. üben und auftreten. Das GNOMEnsemble nutzte das Improvisationsmaterial, welches vom Komponist Christian Wolff im Stück «Burdocks» (1970/71) zur Verfügung gestellt wurde, in seiner ganzen und dynamischen Bandbdreite virtuos aus. Keyboarderin Petra Ronner entlockte ihrem Instrument Kotoklänge und flechtete andere werkvorprogrammierte Sounds gekonnt und geschmackvoll ins interaktive Spiel ein. Saxophonist Lars Mlekusch und Klarinettist Beat Fehlmann setzten sämtliches Können an erweiterten Techniken, wie Mehrklängen, Vierteltönen und Überblasen bis zu klassischem Saxophonvibrato ein. Perkussionist Lorenz sprengte seine Grenzen, indem
er sogar dem Vibraphongehäuse und dem Notenpapier Geräusche entlockte! Ein raffiniertes und intelligentes Reaktionsspiel, verpackt in einem streng durchdachten Konzept. Nach einem Satie-Einschub und einem weiteren traditionellen Lied wurde der Abend mit dem Stück «Black Page Part II, teenage NY disco version» (1977) vom amerikanischen Allrounder Frank Zappa abgerundet. Ein vertracktes Rockschlagzeugsolo trifft auf eine Unisonomelodie. Auch da machten sich Schalk und Humor, welche die Grenzen zwischen den Disziplinen ohne Fusionszwangsneurosen fast gänzlich verschwinden lassen, breit. Nach dem gelungenen Konzert der erstmals als GNOM-Ensembles aufgetretenen GNOM-Veranstalter, freue ich mich auf den nächsten Anlass. Mit der «Black Page Part II, adult NY concert hall version».

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