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Ungefähre


Sonntag, 25. Mai 2003, 12 Uhr
Limmat bei der Webermühle

Mit dem Hörspiel «Ungefähre» lädt Blablabor zu einer Odyssee durch Sprachen und Klänge ein. Der Begriff Odyssee meint gemeinhin eine Irrfahrt, eine Suche nach Heimat, Ursprung und Zuhause. Heimatlosigkeit wird gleichgesetzt mit Ortlosigkeit und Entwurzelung. Blablabor nimmt als zentrale Eigenschaft der Odyssee die Bewegung und Veränderung auf. Es sucht Heimat in Unsicherheiten, Transformationen und Unschärfen. Durch stetes sprachliches und klangliches Übersetzen entstand ein künstliches Kauderwelsch, welches das Material für das Hörspiel «Ungefähre» bildet.


Kauderwelsch bezeichnete ursprünglich eine in Kauder – dem heutigen Chur – gesprochene welsche Sprache. Trotz italienischen oder französischen «Welschkenntnissen» blieb für Reisende das Welsch in Kauder unverständlich. Mit Kauderwelsch war das in Europa nicht sehr verbreitete Rätoromanisch gemeint. Später entwickelte sich aus dem Begriff Kauderwelsch ein Synonym für 'unverständliches Sprechen'. Heute ist Kauderwelsch auch das «Sprachdurcheinander» ausländischer Kinder und Jugendlicher der zweiten Generation, die zwischen zwei Sprachen elegant hin und her switchen.

Mit der Entwicklung eines künstlichen Kauderwelsch sucht Blablabor eine Ästhetik der Migration, des beschleunigten Handels und der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in Europa. Gemeinsamkeit stiftende Werte verändern sich oder lösen sich auf. Daraus resultiert Verunsicherung aber auch Befreiung und Bereicherung. Blablabor zieht aus der Geschichte die Auffassung, dass Austausch kulturellen Gewinn bringt. Blablabor untersucht das ästhetische und kommunikative Potenzial des gleichzeitigen Nebeneinanders verschiedener Sprachen und Akzente.

Für die Bildung neuer Kauderwelschwörter trifft sich Blablabor mit Freunden und Bekannten, die mit einer anderen Muttersprache als deutsch aufgewachsen sind. Es werden von übersetzten Wörtern etymologische Wurzeln verglichen, neue Herleitungen in anderen Sprachen gebildet und Wortfragmente aus verschiedenen Sprachen zusammengesetzt. Ein solches neues Wort wird gesprochen und das entstandene Klangbild auf verschiedene Instrumente übertragen um daraus wiederum neue Wörter zu bilden. So entstand das musikalische Material von «Ungefähre».

«Ungefähre» besteht aus sieben verschieden langen Loops, die sich mit jeder Wiederholung gegeneinander verschieben. Musikalische Bewegungen geschehen innerhalb eines Loops als auch im Zusammenspiel mit den anderen. Das Ergebnis ist ein hierarchieloses Neben- und Miteinander von Sprache und Klang und Sprache als Klang, eine präzise Unschärfe von Verstehen und Nicht Verstehen. «Ungefähre» ist eine klangliche Reise durch verschiedene Sprachen und instrumentale Landschaften. Auf diese Weise entsteht eine je nach Sprachkenntnissen und Hörgewohnheiten verschieden lesbare Poesie.

Für die Aufführung auf der Limmat werden kleine Radioapparate auf das Wasser gesetzt. Die nicht wahrnehmbaren Radiowellen werden von den Geräten für das menschliche Ohr in Wörter und Töne übersetzt. Abhängig von Wind und Strömung treiben die Klänge umher und begegnen sich und den ZuhörerInnen. Durch die sich permanent verändernde Verteilung der Tonquellen und der wechselnden Ausrichtung ihrer Lautsprecher entsteht eine räumliche Dynamik: Die Aufführung vertieft die Komposition landschaftlich.


GNOM dankt Reto Friedmann und Annette Schmucki von blablabor für die Realisation dieser Aufführung.

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