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Sandalengeschichten


Sonntag, 25. Mai 2003
jeweils 1430 und 1830
Bahnhofplatz

„ojota" bedeutet Sandale auf Ketschuan. Schritte - Schuhe - Wege bilden das Assoziationsfeld, das der Komponist Daniel Ott seit Jahren immer wieder neu durchmisst. Die Stücke ojota I-IV können sowohl einzeln als auch hintereinander als eine Art Zyklus aufgeführt werden. ojota ist ein work in progress, aber nicht als Programm sondern als inhaltliche Konsequenz, als ein Weitersuchen vom Gefundenen aus.

"Im Denken der Ketschuan liegt die Vergangenheit nicht hinter uns sondern vor uns. Die Zukunft dagegen liegt hinter uns, sie ist unsichtbar."

Ausgangspunkt für die Arbeit an ojota bildeten Fragen an die Instrumenta-listen nach Erinnerungen, die ihnen im Zusammenhang mit Schuhen kommen. Sie erzählen sich ihre Geschichten, jeder in seiner Sprache. Sie schlüpfen in die Figuren ihrer Erinnerung, kommentieren sie oder hören einander einfach zu. Der Ausgangspunkt der Arbeit ist auch die Grund-situation des Stücks. Da ist der schlürfende, unermüdliche Schritt einer Tante durch den langen Gang ihres Hauses in Süditalien. Oder das Gehen durchs Watt in der Bretagne in viel zu großen Gummistiefeln. Schritte und Schuhe, die ihre Welt mit sich tragen und sie für einen Moment, wie im Traum wieder sicht- und hörbar werden lassen. Das kompositorische Ausgangsmaterial, die Geschichten der Musiker, enthalten gleichermassen Klänge und Szenisches. Diese Unterscheidung ist für Daniel Ott ohnehin nur eine äußerliche. So wirkt es fast selbstverständlich, dass er die Improvisa-tionen der Musiker nach musikalisch-kompositorischen Prinzipien langsam in eine - immer wieder vorläufige - Form bringt und für die musikalische Komposition auch auf visuelle Techniken zurückgreift.

"Am Anfang der Komposition standen nicht formale Überlegungen, sondern die Fundstücke, die wir in Gesprächen und szenischen Improvisationen zum Thema Schuh gefunden haben." Die individuellen Erinnerungen der Musiker kommen sozusagen von außen, als fremdes Material. Dieses Material wird dann auf seine verborgenen Bezüge oder variativen Möglichkeiten hin analysiert und bildet den Ausgangspunkt für die Komposition im engeren Sinn. Bei diesem Prozess kommen auch seine eigenen Assoziationen und Reaktionen auf die Erinnerungen der Musiker ins Spiel, und so werden die anfangs disparaten Elemente nach und nach in Beziehung zueinander gesetzt, zusammengefügt, eben 'komponiert'. "Ich habe nicht den Schuh erfunden, und ich habe nicht den Samba erfunden. Sie sind wie Stecknadeln auf der Landkarte: den Weg dazwischen komponiere ich."

"Wenn ich Musik träume, ist sie immer in Bewegung."

In ojota geht es ums Gehen. Musik in Bewegung ist ein Thema, das für den ojota-Zyklus zentral ist. ojota I fand ursprünglich im Freien statt. Christian Dierstein musste dabei Strecken von 500 bis 600 Metern zurücklegen. Man hört die Musik kommen und gehen. Musik als Zeitkunst. Bewegung als Mass der Zeit. Schritte als Maßeinheit. Schritt für Schritt. (Matthias Rebstock)





Christian Dierstein absolvierte sein Musikstudium bei Bernhard Wulff in Freiburg, und bei Gaston Sylvestre in Paris. Er ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe und war Stipendiat der Studienstiftung sowie der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Seit 1988 ist er der Schlagzeuger des »ensemble recherche«.

Er beschäftigt sich intensiv mit dem Studium außereuropäischer Musik und mit freier Improvisation. Zahlreiche Solokonzerte u.a. in der Reihe »Rising Stars« und sein solistisches Auftreten mit verschiedenen Orchestern führen ihn durch ganz Europa. Christian Dierstein verfasst eigene Kompositionen für Hörspiel und Theater. Zahlreiche Rundfunk- und CD-Einspielungen als Solist und mit Kammermusik liegen vor. Seit 2001 leitet Dierstein die Schlagzeugklasse an der Musikhochschule in Basel.

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